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07.10.
2010

Im Februar 1934 schossen Österreicher auf Österreicher. Sozialdemokraten gegen Christlichsoziale, Schutzbund gegen Heimwehr. Demokratie gegen Ständestaat. Verzweiflung gegen Verachtung. Tote auf beiden Seiten! Besonders heftig waren die Kämpfe im Hausruck.

Furchtbarer und zynischer Höhepunkt war die Erschießung von vier Schutzbund-Sanitätern im Kinosaal des Arbeiterheimes Holzleithen. Eine Ermordung ohne Urteil, bis heute ungeklärt! Mitten im Fasching Standrecht, Mord auf geschmückter Bühne. Lampions als Totenmonde, Lametta als Orden der Justifizierten.

Ausgezeichnet mit Zwei Nestroy- Theaterpreisen, dem OÖ. Bühnekunstpreis sowei dem Vöckla-Kultur Award.

Theaterverein und Produktionsteam der ersten Stunde. Obmann: Ing. Roland König, Obmann Stellvertreter: Josef Nagl, Schriftführer: Elfriede Steinkellner, Kassier: Franz Loidolt, Infrastruktur am Brecher: Josef Leitner, Koordinatorin für Zeitzeugen: Ingeborg Aigner, Produktionsleitung Chris Müller, Kostüm: Kornelia Kraske, Set Design/Bühnenbild Stefan Brandtmayr und Studierende der Kunstuniversität Linz, Musik: Rupert Schusterbauer, Bergknappenkapelle Kohlgrube unter der Leitung von Kurt Brunnbauer, Regie: Georg Schmiedleitner, Autor: Franzobel.

Chris Müller

Beitrag im Buch 
„Es wird nicht mehr verhandelt …“

Im Februar 1934 schossen Österreicher auf Österreicher. Sozialdemokraten gegen Christlichsoziale, Schutzbund gegen Heimwehr. Demokratie gegen Ständestaat. Verzweiflung gegen Verachtung. Tote auf beiden Seiten! Besonders heftig waren die Kämpfe im Hausruck. Furchtbarer und zynischer Höhepunkt war die Erschießung von vier Schutzbund-Sanitätern im Kinosaal des Arbeiterheimes Holzleithen: »Hausruckwald Action« mit abstoßendem Drehbuch. Eine Ermordung ohne Urteil, seither ungeklärt! Bis heute ein Aufreger in der Region. Mitten im Fasching Standrecht, Mord auf geschmückter Bühne. Lampions als Totenmonde, Lametta als Orden der Justifizierten.

Der sich hinter Gaspoltshofen abrupt auftürmende Bergkamm, der Hausruck, macht seinem Namen alle Ehre. Immer wieder rutschen »Leiden« (ugs. für Hänge), und Häuser müssen rücken. Diese Bewegungen können, gemeinsam mit den unzähligen Dellen im Wald, verursacht durch Einbruch alter Bergwerksstollen, metaphorisch für die Bewegungen im Umgang mit heimischer Geschichte gelesen werden.

Verwerfungen tun sich auf, Risse entstehen. »Unter Tage«, »im (politischen) Alltag untergegangen«. Die dunklen Orte im Hausruck als Allegorie zu bewusst getilgten Ereignissen. Der Versuch, Flurschäden billig zu bereinigen, als Gleichnis für die Handlungsweise von Politik, Gesellschaft und Individuum. Noch bevor die Wahrheiten der Vergangenheit gehoben und geborgen werden können, werden sie unter großer Eile verborgen, verdrängt und zugeschüttet, so werden »Hohlräume der Geschichte« geschaffen. Vor diesem Hintergrund verwundert es, dass Thomas Bernhard seinen im Nachbarort Wolfsegg spielenden Roman »Die Auslöschung« nannte, passender wäre wohl »Die Zuschüttung«.

Weniger verwundert es, dass der Mensch sich nach furchtbaren Begebenheiten von der Erde abwendet und seinen Blick gen Himmel richtet. Vielleicht bezeichnet sich deshalb Wolfsegg auch als Luftkurort. Der kollektive Hausrucker Ausblick aufs Alpenvorland ist jedenfalls fantastisch, bei klarem Wetter sieht man bis zum Ötscher. Nur »kann man schöne Aussicht nicht essen«, wie Wolfseggs Bürgermeister Emil Söser einmal bemerkte. Jedenfalls funktionierten diese »natürlichen« Ablenkungstaktiken beinahe 70 Jahre bestens.

21 x 15 cm, 280 Seiten, vierfärbig
22,00 € (38,00 sfr)
ISBN 978-3-900000-03-5

www.bibliothekderprovinz.at

2005 & 2006: hunt oder Der totale Februar.

Über die Vorgänge des Jahres 1934 wusste auch der aus dem nahen Pichlwang stammende Schriftsteller Franzobel zunächst nichts. Auch nichts vom benachbarten Holzleithen, wo sein Stück um den Sozialdemokratische Schutzbundführer Ferdinand Fageth eigentlich spielt. Schon im Vorfeld sorgte das Stück mit dem doppeldeutigen Titel für einige Aufregung. Gräben würden aufgerissen werden, befürchtete mehrmals öffentlich der ÖVP-Landtagsabgeordnete und Bezirksparteiobmann Anton Hüttmayr, wohnhaft im nahen Puchkirchen. „Zensur!“ war die Reaktion des Theatervereins, die Aufregung ging durch die österreichische Medienlandschaft, der Konflikt fand ins Fernsehen.

Am 27. Juli 2005, als die untergehende Sonne lautlos in den westlichen Hausruckwald einschlug, begann das „närrische“ Treiben vor übervollen Besucherrängen in fiebriger Erwartung: Das Plärren zweier historischer „Maurersachs“-Mopeds eröffnet die Vorstellung. Die beiden Hauptdarsteller Karl Markovics und Franz Froschauer betreten sehr dynamisch die Szenerie, Markovics als Fageth und Froschauer in einer Doppelrolle als radikaler Schutzbundführer Skrabal und als Heimwehrführer Frühwirt jagen sich, hetzen übers Gelände. Wie Regisseur Nicholas Ray im Film „Rebel without a cause“, mit James Dean in der Rolle seines Lebens, setzt Regisseur Georg Schmiedleitner gleich zu Beginn auf einen halsbrecherischen Wettkampf. Ein Kopf an Kopf-Rennen um die ideologische Poleposition entbrennt. Das Knattern und Husten der hochtourig gefahrenen Mopeds ist gleichsam das Signal für die am Set erscheinenden Mitglieder einer 30-köpfigen Reisegruppe, sich ihrer modernen Regenponchos zu entledigen, darunter kommtKleidung aus dem Jahr 1934 zum Vorschein. Bei der zweiten Umrundung des Kohlebrechers durch die beiden Hauptdarsteller auf ihren archetypischen Gefährten setzen sich auch die Frauen und Männer in Bewegung hin zum angedeuteten Arbeiterheim. Dort wird ausgelassen und maskiert geschunkelt und getanzt. Es ist Fasching im Februar 1934. Der feuchtfröhliche Vorabend der Revolution, Faschingskrapfen als Henkersmahlzeit. Die Schutzbündler tragen rote Hemden, die Hahnenschwänzler schwarze. Auf einem Balkon oberhalb der Szenerie, quasi über den Dingen: der maskierte Bezirkshauptmann Doktor Frühwirt, Typ verarmter Adeliger mit Hang zur Dekadenz, keift zum Schutzbundführer Fageth hinunter: „A Kugel gehört dir in jedem Fall, du Aufwiegler.“ Fageth antwortet im Jargon der Zeit: „Bin nicht neugierig auf dein Hahnenschwanzlergfries.“ Es wird totenstill, der entfesselte Tanz des Volkes wird nun leiser, summend, choreografisch weitergeführt. Die Gruppe im Arbeiterheim bewegt sich nun, wie die Äste eines Baumes vor dem Sturm. Nach der Stille dann erste hangreifliche Auseinandersetzungen.

Der Zwist der beiden überträgt sich nun in rasender Geschwindigkeit aufs Volk. Schwarz-rote Abgründe tun sich auf. Das Stück zieht an, und Schmiedleitner alle Register. Wilde Massenszenen wechseln sich ab mit bedächtigen, leisen und intimen Momenten. Für monumentale Bildästhetik ist ebenso Platz wie für kleine Details und zweiflerische Zwischentöne. Es ist vor allem der „rote“ Ferdinand Fageth, der mit geradezu atemberaubend schönen Monologen und Visionen über Treue und Verrat, über Zögern und Handeln in Liebe und Politik von Franzobel bedacht wurde. Ergreifend spielt Karl Markovics den zaudernden Hausrucknapoleon. Er wird gleichsam zum Symbol einer ausgezehrten, unschlüssigen Sozialdemokratie und er deklariert in seinem Schlussmonolog:

„Das Volk ist eine Hure, das zeigt sich bei jedem Umbruch. Grauslich. Sieht, was es will, und treibt es mit jedem, der zahlt. Aber bin ich besser? Was für eine politische Richtung einer einschlägt, ob rechts oder links, hängt von den Umständen ab, aber was einer draus macht, ob er Mensch oder Arschloch ist, daran muss er sich messen lassen.“

Untermalt, umfasst und vorangetrieben werden sowohl die Handlung als auch die Figuren selbst durch den Klang der Region. Wiedergegeben durch die famose „Bergknappenkapelle Kohlgrube“, den 20-kehligen „Hausruckchor“ oder das extravagante „Zwüfihüttn-Trio“. Beinahe immer präsent der außergewöhnlich Sound der „hunt Brass Band“ unter der Leitung von Rupert Schusterbauer. Sie peitscht, macht Mut und eskortiert. Ob Sargballett, Häuserkampf oder Bordellszene: „Im Puff ist immer Standrecht“, sagen die Huren Pepi und Resi, als der viehisch gewordene Heimwehrführer Frühwirt in Unterhose auf einem fahrenden Freudenhaus einfährt, sich mit Sekt und Huren vergnügt und anschließend zum Sturm auf die „Bastille der Proletarier“, dem Arbeiterheim, bläst. Höhepunkt des Stücks ist die historisch verbriefte Exekution der sechs Schutzbundsanitäter auf der Bühne des Kinosaals im Arbeiterheim. Fageth ist zu diesem Zeitpunkt dort schon nicht mehr anwesend. Er entfloh zuvor in die Umgebung und wird später in Frauenkleidern verkleidet aufgegriffen.

Der Showdown in Holzleithen ist wirkungsvoll arrangiert. Der letzte Vorhang fällt in Form einer über 200 Quadratmeter großen weißen Fahne. Sie bringt auch die übergroßen Schatten der Ermordeten zum Verschwinden die sich im Gegenlicht auf ihr abzeichnen. Übrigr bleiben, wie immer im Krieg der Männer, die Frauen, das Elend, viele Fragen und ein fürs das Erstarken der Nationalsozialisten aufbereiteter Weg. Das Stück über die Entwicklung der Sozialdemokratie im letzten Jahrhundert gerät dabei nie zum tölpelhaften Lehr- oder Agitationsstück. Im Gegenteil: Polittheater, das mehr als den Namen Volksstück verdient. Beim traditionsreichsten und begehrtesten österreichischen Theaterpreis, dem „Nestroy“ heimste „hunt“ als erfolgreichstes Theaterstück den Spezial- und den Autorenpreis 2005 ein und war damit erfolgreicher als das Burgtheater und sämtliche Festspiele. Im darauf folgenden Jahr wurden dem Stück der oö. Bühnenkunstpreis und der regional vergebene Vöckla Kultur-Award verliehen. Nicht erwartete Auszeichnungen, die zeigen, was mit Engagement und Risikobereitschaft alles möglich ist. Die Theateraufführung von „hunt oder Der totale Februar“ war aber nicht nur ein preisgekrönter Erfolg bei Presse, Publikum und JurorInnen, sondern ist auch der Beweis dafür, dass Sommertheater kritisch, sperrig, politisch offensiv UND erfolgreich sein kann. Die insgesamt 12.000 BesucherInnen wurden zu GeburtshelferInnen eines neuen Typus von Polittheater. Immer in klarer Abgrenzung zum Schickeria-Treff in Salzburg und zur Nostalgie-Sause in Mörbisch.

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