09 Jan. Memento Mori Müller
Alle 365 Tage kehrt der Jahrestag jener Schicksalskollision zurück, an dem ich dem Tod nahe war und mein Sohn fast ungeboren blieb – ein Tag, der zugleich der Geburtstag meines Sohnes und meiner selbst ist!
Titanen-Transformation
Die Mauer, die Berlin geteilt hatte, und mein Entschluss zu bleiben waren gefallen. Das ausgerufene Ende der Geschichte wurde ein Anfang – für mich und 3,4 Millionen Hauptstädter:innen. Es war der zweite Sommer nach der Wiedervereinigung – eine wilde Party auf einer monströsen Baustelle. Alles musste raus, alles änderte sich. Der Beginn einer Titanen-Transformation. Die ›Neue Welt‹ fand ich in der Hasenheide im Bezirk Neukölln. Der Saal, der 1.600 Besucher:innen fasst und dessen Bezeichnung den Namen des Universalgelehrten Aldous Huxley mit dem Titel seines 1932 erschienenen dystopischen Romans verbindet, war meine erste Anlauf- stelle für alle möglichen Formate und Exzesse. Hier gab es eine Rollschuh Disco, Tattoo-Conventions, Filmvorführungen, Boxkämpfe, früher noch Nazi-Ansprachen, eine Rede von Rudi Dutschke, die ersten Auftritte von Jimi Hendrix in Berlin und ein Konzert von Glenn Danzig. Der »weiße Elvis«, wie es mein farbiger Freund Daniel in bekifftem Zustand formulierte, hatte mit ›Mother‹ seinen größten Hit abgeliefert und ich wusste intuitiv, sollte ich je Father werden, würde mein Sohn Glenn heißen.
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus meinem Buch „Achtet auf die Möwen!“
Denn sie tun nicht, was sie wissen!
Völlig übermüdet und unter Einfluss von Substanzen, wie sie auch Jim Morrison liebte, verließ ich ein Psychobilly-Konzert in der Bar ›Huxleys Neue Welt‹, um mit österreichischen Freund:innen, als Mitfahrer im Kofferraum liegend, auf Schleichwegen in die alte Heimat zu kommen. Ich wusste bereits beim Einsteigen, dass ich dies nicht hätte tun sollen. Wie in Nicholas Rays Film ›Rebel Without a Cause‹ mit James Dean in der Rolle seines Lebens entspann sich gleich zu Beginn ein halsbre cherischer Konflikt mit den Verkehrsregeln. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die ewige Poleposition entbrannte. Bis heute kann ich mich an die Todesahnung während der Fahrt erinnern. Es war wie bei den Experimenten mit Elektromagnetismus. Der Todesmagnet unter dem Chassis ordnete alle Menschennerven wie Eisenspäne und richtete sie wie von Geisterhand gen Ewigkeit aus.
Wir hatten bereits viel, aber noch nicht alles Glück verbraucht, als wir nach 330 Kilometern an unseren nebeligen Unglücksort gelangten. Am Sonntag, dem 10. Jänner 1993, verloren wir aus Leichtsinn beinahe unsere gerade begonnenen Leben durch den Sturz von einer Brücke. Auf den Tag genau 14 Jahre später brachte meine Frau Kerstin, die ich übrigens am ›Ball des schlechten Geschmacks‹ im Timelkamer Nachtclub ›Papageno‹ kennengelernt hatte, unser erstes Kind, Glenn Müller, gesund auf die Welt.
Kerstin würde ich ein ganzes Buch widmen, nur würde sie das nicht wollen. Sie gehört zu jenen Menschen, die niemals, wirklich niemals, in jenem Rampenlicht stehen wollen, das sie verdienen. Bertolt Brecht hätte seine drei Götter nicht in die chinesische Provinz Sezuan schicken müssen, um zu sehen, dass es „Gute Menschen“ gibt. Sie hätten in Oberösterreich mit Kerstin ihren Beweis erbracht. Seit zwanzig Jahren liebe ich nun schon ihren aufrechten Gang und das unumstößlich warme, soziale und fürsorgliche Herz. Und die Freiheit, die sie gibt und mit der sie bindet. Sie ist eine unerschrockene Kämpferin, wenn sie Ungerechtigkeit erkennt und reicht kompromisslos und frei von Selbstzweck eine helfende Hand, wo diese benötigt wird. Bereits im zarten Alter von 17 betreute sie ein schwerstbehindertes Mädchen über eine Dauer von zehn Jahren. Sie kümmerte sich um Kinder und deren Familien im Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe, leitete eine Kindergartengruppe, arbeitete als Persönliche Assistenz für die Volkshilfe Linz, war für ein Projekt der Krebshilfe für Kinder tätig, studierte berufsbegleitend Soziale Arbeit, nun Rechtswissenschaften und arbeitet aktuell in der Wohnungslosenhilfe.
2010 ist unser zweites Wunschkind, Mavie, zur Welt gekommen. Und dies mit einer (noch) unheilbaren Krankheit namens Cystische Fibrose, auch Mukoviszidose (übersetzt: zäher Schleim) genannt. Durch diesen Gendefekt ist die Lunge gemeinhin besonders stark betroffen, weshalb man uns bereits bei der Geburt unserer Tochter eine düstere Prognose ausstellte. Ohne Medikation und täglich mehrmaliges Inhalieren wäre ihr Leben unmöglich.
Einige dunkle Momente und niederschmetternde Zeiten hat uns diese Gottesgeißel beschert, aber auch das Wissen um die Kostbarkeit des Lebens geschenkt. Obgleich sich die Therapieformen und Medikamente in den letzten Jahren massiv verbessert haben, ließ uns der Schicksalsschlag, der uns völlig unvorbereitet getroffen hatte, unterschiedliche Wege beschreiten, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: ein gutes, freudiges Leben für Mavie und Glenn. Als Unternehmer habe ich damit begonnen, etwas zu unternehmen und kluge Menschen zu vereinen, um über Heilung und Hilfe nachzudenken. Die ersten „Freiwilligen“ waren Freunde, etwa KI-Experte Gerhard Kürner, Primarius Priv.-Doz. Dr. Johann Knotzer, DELTA Miteigentümer Ingo Huber, Gesundheitsexperte em. Univ.-Prof. Dr. Siegfried Meryn, Landesdirektor der DONAU-Versicherung Wolfgang Gadermaier und der viel zu früh verstorbene CATALYST CEO Christoph Steindl. Ich wollte, nachdem ich mich und meinen Gen-Stamm verflucht hatte, nicht mehr wie das Kaninchen zitternd vor der Schlange sitzen. Ich wollte der Mungo sein, der diese furchteinflößende und Organ verschleimende Bestie zur Strecke bringt. Für meine Tochter und all die anderen Betroffenen dieser seltenen Krankheit. Ich musste »Siegfried der Drachentöter« vom Agerspitz werden und eine heilende Trutzburg errichten. Meine Rüstung sollte die Hoffnung, das Wissen der Wissenschaften und die Kraft der Kollaboration sein.
Protopia
Das utopische Denken wurde schon oft beerdigt. Die Nachrufe waren noch jedes Mal verfrüht. Solange es Menschen gibt, die eine Gesellschaft ohne Gewalt, Ungerechtigkeit, Arbeitsfron, Naturzerstörung und Krankheit für möglich halten und sich aufgrund der Diskrepanz zwischen dem Wirklichen und dem Möglichen empören, werden sie Utopien malen. Und: Sie werden diese Idealvorstellungen in der Gegenwart beginnen und Generationen danach ertüchtigen. Was mich also bestärkt und trotz ernster Zeiten und Bedrohungen wappnet, ist das Wissen, dass Held:innen seit jeher aufbrechen, um das Ungehörte zu hören, das Ungesehene zu sehen und das Ungelöste zu lösen.
Egal, ob 20.000 Meilen unter dem Meer oder über dem Meer. Wir stellten uns Untieren, kämpften gegen die Gezeiten und Elemente. Wir waren im Packeis, in der Tiefsee und am Mond, stellten uns dem Aberglauben
und wollen jetzt die Freiheit von Mangel und Furcht. Meine Frau ist eine dieser Heldinnen, sie hat Unglaubliches geleistet und tut dies immer noch. Vielen hat sie Obdach gewährt und unzählige gerettet. Auch mich. Kennenlernen konnte ich sie allerdings nur, weil ich bei dem Autounfall eine Dekade zuvor nicht zu Tode gekommen war.
Kein Heldentod. Vorerst.
Damals, am Tag nach dem Unfall, war in der Zeitung ›Frankenpost‹ zu
lesen:
„Schwerer Verkehrsunfall in der Münchberger Senke: Am Sonntagmorgen stürzte dieser Mazda regelrecht von der Autobahn ab. Die drei Insassen, Österreicher, die ein Rockkonzert in Berlin besucht hatten, wurden schwer verletzt.
Das Unglück geschah am frühen Morgen. Der Fahrer wurde auf dem Weg in Richtung Süden vom Schlaf übermannt. Pech für ihn, dass dies genau an einer Stelle passierte, an der die Leitplanken abgesenkt sind. So geriet der Mazda von der Autobahn ab, fuhr etwa 150 Meter im angrenzenden Straßengraben entlang und stürzte dann bei der dortigen Brücke ab. Das Auto flog im freien Fall etwa sechs Meter in die Tiefe und landete auf dem Dach. Die drei Österreicher konnten sich selbst aus dem Wrack befreien und liefen blutüberströmt in Richtung Münchberg. Sie klingelten an mehreren Häusern am Ortseingang, ehe ihnen schließlich in der Grünbergstraße geöffnet wurde. Von hier aus wurden auch Polizei und Rettungsdienst verständigt.
Die drei Männer hatten sich bei dem Unfall so schwere Verletzungen zugezogen, dass sie stationär im Kreiskrankenhaus aufgenommen werden mussten. Ihr Mazda hatte
nach dem Absturz nur noch Schrottwert.“
Wir hatten unglaubliches Glück und JFK behielt Recht: Cabrio-Verbot. Thank you, Mister President! Die Redakteurin Irene Gottesmann hingegen irrte sich nur in einem: Es war nicht unser Mazda, sondern leider erneut der Mazda von Mama, um den es ging, diesmal ein hellblauer. Dass ich ihren ersten Wagen verkauft und den zweiten zumindest mitverschrottet hatte, kümmerte meine Mutter angesichts der Umstände wenig. Sie holte ihre verletzten Jungs da raus. Heldenhaft entführte sie uns aus dem Kreiskrankenhaus. Sie fuhr mit ihrem Campingbus vor, ordnungsgemäß präpariert mit Vakuummatratzen zur Immobilisierung. So überstellte sie uns alleine in das Vöcklabrucker Hospital. Da war ich nun wieder: Ganzkörpergips, bettlägerige Wochen in der Klinik, insgesamt zwölf Monate im Krankenstand. Körper und Geist verwundet – aber ohne Mandeln. Durch wiederkehrende Träume rekonstruierten sich die letzten Momente vor dem Aufprall in der eiskalten Nacht. Lange verfolgte mich noch das Geschrei und Wehklagen meiner Freunde in Todesangst. Ich sah geborstenes Glas im Wagen herumfliegen, hörte deutlich die Deformation unseres Vehikels und spürte den Ruck, der mich über die Rücklehnen vom Kofferraum in die Fahrgastzelle schleuderte. Mit Blick in den Mazda-Himmel erlebte ich höllische Schmerzen. Gesicht nach oben, auf dem sogenannten Kardantunnel, einer Erhebung zwischen den Sitzen im Innenraum, der in erster Linie die Kardanwelle vom Frontmotor zur Hinterachse beherbergte, kam ich wie auf einer Folterbank zu liegen. Im Augenblick des finalen Aufpralls rückte das Himmelsdach bedrohlich nahe und mein erster, zweiter und dritter Lendenwirbel brachen an jenem Tunnel, der auch zur Versteifung der Karosserie diente.
Glück im Unglück: Regulär auf der Rückbank sitzend und angeschnallt, hätte ich diese Irrfahrt wohl nicht überlebt. Wie wir dem Tod entrannen, bleibt enigmatisch. Einen gewichtigen Anteil daran hatte wohl auch die mir leider unbekannte Familie, die in der Grünbergstraße die Haustüre geöffnet und uns erstversorgt hatte. Warum uns hingegen so viele Menschen nicht halfen, nachdem wir blutüberströmt und unter großen Schmerzen bei ihnen geklingelt hatten, hat mich ebenfalls eine geraume Zeit beschäftigt.
Tempus fugit – Die Zeit flieht
Nun wusste ich also, dass ich sterben werde. Nur wann, wo und wie ist bis heute nicht geklärt. Diese Erkenntnis änderte meinen Lebenslauf für immer. Unter anderem habe ich mir vor Jahren einen Grabstein gekauft, den ich selbst behauen werde. Er erinnert mich an jene kalte Jänner-Nacht, die mir bewusst machte: Meine Sanduhr wurde umgedreht und rieselt seither stetig. Die Zeit flieht, der Leib vergeht. Tempus fugit. Bis dahin bemühe ich mich, mein Leben und meinen die Zeit überdauernden Stein besonnen zu behauen.
In diesem Bewusstsein und weil ich Angst hatte, wieder ins Bundesheer einrücken zu müssen, erhob ich mich abermals frühzeitig vom Lazarett und schlich mich von dannen. Der Weg nach Berlin führte diesmal über die Meerenge von Gibraltar nach Tarifa. Hier traf ich meinen Bruder Reini, der in dieser windreichen andalusischen Provinzstadt lebte und seiner Leidenschaft, dem Surfen, frönte. Ich versuchte mich später, am mittlerweile neuen Wohnsitz Reinhards auf Gran Canaria, im Paragleiten. Er betrieb zu dieser Zeit ein Fotolabor in der Ortschaft Maspalomas, genau gegenüber der Surfschule von Bjørn Dunkerbeck, dem Megastar der internationalen Surfszene. Da wir uns gut verstanden, zog mich der dänisch-niederländische Profi-Windsurfer mit 42 Weltmeistertiteln an einer 50 Meter langen Schnur und einem PS starken Jet-Ski hinaus aufs offene Meer. Die Möwen neben mir waren durch die Perspektive größer als sein Vehikel, das nur noch als lauter, kleiner Punkt auf der Wasseroberfläche zu erkennen war. Als der Gegenwind zu stark wurde, rissen bei dem alten Gleitschirm, der nicht für eine solche Speed-Partie geschaffen war, die Lenkschnüre und er klappte zusammen. Da das ehemalige Nutella-Testimonial Dunkerbeck auf Vollgas blieb, wurde ich von der gespannten Leine in die Tiefe gezogen. Der starke Aufprall auf dem betonharten Wasser löste eine kurze Bewusstlosigkeit aus. Danach tauchte ich nach oben und war unter dem Schirm in dessen Leinen verheddert. Als mir Bjørn die Hand reichte und mich aus dem Wasser zu ihm hochzog, ballte ich die Faust und spreizte Daumen und kleinen Finger weg, um ihm in gebräuchlicher, hawaiianischer Grußart zu zeigen: Es geht mir gut. Das war natürlich eine Lüge.
Erlebnisse und Momente wie diese, der Strand, die Sonne und das Meer vermochten meine stadtbezogene, leicht apokalyptische Gesinnung aber noch nicht zu verändern. Ich scheiterte als frohnatürlicher Beachboy und kam nach einem mehrmonatigen Umweg als Psychobilly mit Sand in den Schuhen und etwas unglaublich Kostbarem zurück in die Hauptstadt mit dem Bären im Wappen. Mein Bruder hatte zwischenzeitlich in Las Palmas geheiratet. So hatte ich fortan neue Familienmitglieder in Spanien. Hier heißt man: Kiki Saavedra Medina, Francisca Medina González, Juan Manuel Saavedra Oliva, Octavio Saavedra Medina und Marcos Saavedra Medina. Und meine geliebte, mir sehr innig verbundene Nichte erhielt den Namen Estela Sonja Müller Saavedra.
Müllermorphose und für alle Fälle Stefanie
Die Ausdeutung meiner Jahre in Berlin zeigte mir im Nachhinein zwei Stadien der »Müllermorphose«: Bis 1996 lebte und liebte ich das intensive und exzessive Leben mit Punks, Psychos und Rock ‘n‘ Rollern. Konzerte in ganz Europa waren alltäglich. Manchmal verdingte ich mich als Fahrer von Bands, dann wiederum als Stagehand auf Musical- Touren durch Skandinavien. Ich bestritt meinen Lebensunterhalt unter anderem als Komparse in Vorabendserien, Tatort-Krimis und Talk-Sendungen wie ›Hans Meiser‹, ›OP ruft Dr. Bruckner‹, ›Für alle Fälle Stefanie‹ und ›Wolffs Revier‹ oder in Kriegsfilmen, die im ›Studio Babelsberg‹ gedreht wurden. Gecastet wurde ich – wohl aufgrund meines Aussehens – für eher klischeehafte Figuren, wie etwa als Drogenabhängiger, Obdachloser, Verwahrloster, Entwurzelter oder Unruhestifter.
30 Jahre nach den erfolgreichen Edgar-Wallace-Thrillern der 1960er- Jahre verfilmte deren Produzent Horst Wendlandt neue Fälle für RTL. Und ich stand in einer meiner Paraderollen gemeinsam mit dem legendären Eddi Arent vor der Kamera und erntete 2,3 Sekunden Ruhm. Da ich nicht mehr nachvollziehen kann, ob es sich um ›Die Katze von Kensington‹, ›Das Karussell des Todes‹ oder um ›Der Blinde‹ handelte, empfehle ich, sich keine dieser Folgen anzusehen. Darüber hinaus konnte ich meine Tischlerfähigkeiten beim Bühnenbau und Set-Design einsetzen und so an Großkonzerten, Ausstellungen, Modenschauen und Fernsehshows mitwirken. Um die benötigte Aufenthaltsgenehmigung zu erlangen, musste ich aber auch einer geregelten Arbeit nachgehen, ein Bankkonto führen und Steuern zahlen. Nicht zuletzt aus diesen Gründen arbeitete ich erst als Leasingarbeiter bei einer Zeitarbeitsfirma und dann bei einer Kleinsttischlerei, die erst nach dem Mauerfall gegründet worden war. Ihren Sitz hatte die Tischlerei Wegener an der Großen Hamburger Straße im Osten der Stadt.
Die 400 Meter lange Straße im Ortsteil Mitte des gleichnamigen Bezirks zwischen der Auguststraße und der berühmten Oranienburger Straße war gesäumt von Gebäuden, die dem jüdischen, protestantischen und auch katholischen Leben entstammen. Vor dem Zweiten Weltkrieg war ihr Beiname auch „Toleranzgasse“, seither – in Erinnerung an die Gräueltaten, die hier während der Zeit des Nationalsozialismus stattfanden – ist aber auch von der ›Straße der Toleranz und des Todes‹ die Rede.
Die Geschichte dieses Ortes berührte mich, die Tätigkeit als Tischler immer weniger. Meine Träume formierten sich neu und fokussierten mehr und mehr auf das Showbusiness und die kreative Wirtschaft. Letztere war gerade spürbar im Entstehen begriffen und wurde vom britischen Premierminister Tony Blair im Wahlkampf 1997 schließlich als „Creative Industries“ definiert, propagiert und mit Förderprogrammen ausgestattet. Auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie ich das anstellen sollte, wusste ich doch instinktiv, dass ich von meiner kreativen Schaffenskraft leben wollte. Bis zu diesem Durchbruch war ich schon froh, dass ich der großen Schauspielerin Katharina Thalbach nach einem Einbruch die Eingangs- tür zum Theater dürftig und im Expressverfahren reparieren durfte. Siemöge dem Ganoven und mir verzeihen.
„Machen Sie eine typische Handbewegung“
Aufgebrochen war ich als ›Easy Rider‹ Dennis Hopper mit ›Steppenwolf‹ in den Ohren und dem Wind der Freiheit in den Haaren. Die Maschine geparkt hatte ich als Jobhopper. Am Ende dieser Phase war ich neben meiner Tischlerlehre auch am Bau tätig gewesen, in der Lebensmittel- industrie als Maschinenführer für Getränke und Backwaren, als Hilfsarbeiter in der Holz- und Stahlindustrie oder als Asbestentsorger an der Freien Universität in Berlin-Dahlem, die zu dieser Zeit umgebaut wurde und heute als Exzellenzuniversität gilt. Des Weiteren hatte ich für eine große Kranfirma Teile in Akkordarbeit sandgestrahlt, ich putzte für die Endabnahme riesige Hochregale in Ostdeutschland, grub Infrastruktur- Tunnel in den brandenburgischen Boden oder verlegte Linoleumböden in der gesamten BRD.
Später kam – mit dem Unternehmerbrief für Hotellerie und Gastronomie – auch noch die Arbeit in der eigenen Kneipe sowie eine Montage-tätigkeit, im Zuge derer ich Bahnhöfe mit neuen Leitungen ausrüstete. Und aufgrund eines Anfängerfehlers abermals fast ums Leben kam, da ich die Leiter ausgerechnet an jener Stelle aufhob, wo sich über mir eine Starkstromleitung befand. Glücklicherweise war dieser Abschnitt schon vom Strom genommen worden. Das wusste mein Kollege drei Sekun- den davor noch nicht. Ich vergesse nie die Todesangst in seinen Augen, als er mich die Leiter anheben sah und schneller als ich realisierte, dass dies mein letzter Fehler gewesen sein könnte. Der legendäre Robert Lembke hätte wohl in der TV-Show ›Was bin ich?‹ seine Freude mit mir und meinen vielen Jobs gehabt. Wenn er mich nach der für den Beruf „typischen Handbewegung“ gefragt hätte, hätte die Antwort wohl einiges an Zeit in Anspruch genommen.
Minimax Maximus
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die noch nicht erwähnte Tätigkeit des Brandschützers für Primus Minimax. Meine Oma Wilma machte mich zum Gladiator einer Arbeitswelt voller Mineralwolle und Brandlasten. Da sie sich den Firmennamen nicht so recht merken konnte, erzählte sie in ihrem Freundeskreis stolz, ich würde nun im Dienst des römischen Unternehmens Claudius Maximus stehen. Auch wenn es nicht den historischen Tatsachen entspricht, dass die Gladiatoren ihre Kämpfe mit dem Gruß „Heil dir, Kaiser, die Todgeweihten grüßen dich!“ einleiteten, so trifft es doch zu, dass wir unseren Partieführer Moser zu Dienstbeginn mit diesen Worten empfingen. Aber damit musste Schluss sein, ich führte im Geiste von Spartakus einen Sklavenaufstand an und kündigte.
Miller Vanilli
Wie in ländlichen Gegenden üblich, ist man von einigen wenigen Arbeitgeber:innen abhängig. So stand ich eines Tages am Produktionsband der Firma Spitz. Der süßliche Geruch von Zucker zog über das gesamte Areal, auf dem strenge Vorschriften galten. Mit abgeklebten Piercings und Sicherheitsschuhen war ich in der Qualitätskontrolle gelandet. In Stichproben prüfte ich Tetrapacks auf ihre Dichtheit. Das funktionierte mit einem Schnitt, roter Kontrollflüssigkeit und UV-Licht. Außerdem wechselte ich die Rolle der Einschweißfolie des Mineralwassers – im Achtstundentakt. Insgesamt also nicht viel zu tun. Meine Kollegen vertrieben sich die Zeit mit Illustrierten und Tschick auf der Toilette, ich las Voltaire und Foucault. Das fiel auf und war so in der Dienstvorschrift freilich nicht vorgesehen. Als Strafe wurde ich zum „Allerstrengsten“ versetzt.
In Punkmanier war ich natürlich bereit, meinem Widerwillen Ausdruck zu verleihen und lachte dem aufkommenden Ärger ins Gesicht. Auf wen ich aber traf, war Thomas Gratzer. Streng ja, aber äußerst korrekt, höflich, direkt. Und er wollte, dass wir „anzahn“, denn er tat das schließlich auch. Und das tat er wirklich. Während andere am Attersee Jolly schleckten, schuftete er mit uns bis Schichtende, um das Soll des Sommers zu erfüllen. Wir redeten viel über Kunst und Gesellschaft, freundeten uns an, blieben aber immer per Sie.
Ich war mittlerweile für die Anlage der Vanillezucker- und Backpulver Verpackung zuständig. Thomas Gratzer quälten Beanstandungen, da sich aus unerfindlichen Gründen der Kleber einiger Sackerl immer wieder löste, sodass Backpulver und Vanillezucker ausrieselten. Ich war mir sicher, dass es kein Bedienfehler unsererseits war und ging der Sache nach. Ich borgte mir von meiner damaligen Freundin, die ein Faible für Schlangen hatte, die Infrarot-Lampe ihres Terrariums aus und richtete mir ein kleines Labor in einer dunklen Kammer ein. Mithilfe der roten Kontrollflüssigkeit und der Speziallampe konnte ich den unsichtbaren Raster der Klebestreifen auf den Druckbögen sichtbar machen. Das zeigte: Der Raster wies eine Unterbrechung auf. Dadurch war klar: Der Zylinder der Pressrolle war schadhaft. Ursache gefunden, Beweis erbracht.
In meiner Zeit bei Spitz lernte ich jedoch viel mehr als Verschlusstechniken von Zuckersackerln. Ich verstand die Funktionsweise industrieller Produktionslogik. Ich sah, dass monotone und redundante Arbeit Menschen abstumpfen und hasardieren lässt. Gleichzeitig sah ich Frauen, die in diesem stupiden Job gerne noch Überstunden machten, mit der Intention, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollten. Das im- poniert mir bis heute. Mütter geben viel für das Wohl ihrer Töchter und Söhne. Und ich lernte, was einen guten Chef ausmacht. Der „strenge“ Thomas Gratzer wurde zu einem Vorbild. Er war nicht streng, er war pflichtbewusst. Wenn aus Unachtsamkeit eine Charge verunreinigt sein hätte können, wurde sie aus dem Verkehr gezogen. Wenn der Stress am größten war, machte auch er Überstunden. Sein akkurater Umgang färbte auf die Belegschaft ab und motivierte zu mehr.
Nach meinem experimentellen Labor Beweis durfte ich weiter forschen – mit Zutaten, Geschmacksstoffen und Backmischungen. Thomas Gratzer und ich verstanden uns darin, dass Innovationen Freiraum und das Überlagern von Wissen, Erfahrung und Artfremdem benötigen. Wir merkten aber beide, dass sich unsere Wege (vorerst) trennen würden. Er hielt mich für höhere Positionen qualifiziert, aber trotzdem ungeeignet für diese Art von Betrieb. Was für ein Kompliment! Er ermutigte mich, mich in die Kunst zu vertiefen, kreativ zu arbeiten, in die Welt zu gehen. Auch er selbst war von Villach über Bad Ischl nach Polen gezogen, wo er eine Café Restaurant-Kette aufbaute. Heute ist er Produktions- und Technikvorstand beim Süßwarenhersteller Manner. Die Freundschaft hält wie die Haselnussfüllung zwischen den Waffelschichten.
Allet in Butta
Neben den Jobs uferten auch die Partys aus und überschritten ihren Höhepunkt. Schattenseiten wurden spürbar. Im Bekanntenkreis häuften sich Ausfallserscheinungen. Hier hieß man Zigaretten Ari, Schöner Achim, Dicker Ingo, Katzenscheiße Jens, Zucker-Thorsten, Atze, Keule, Fenner, Beaker, Lülle, Jaguar Gott, König der Ahornblätter, Köfte, Pillepalle-Paul, Klaus Kuhle, Kudamm-Manfred, Herr Wegener oder F. Stein alias Dr. Solido. Letzterer war sowohl der großartige Gitarrist der legendären Psycho-Punk-Legende MAD SIN als auch mein Freund.
Thorsten Hunaeus, wie Dr. Solido im bürgerlichen Namen hieß, war eine ganz außergewöhnliche Figur. Kaum einzuordnen, sehr faszinierend – die Rock ‘n‘ Roll-Variante von Helge Schneider. Er war frei, kreativ und absolut liebenswürdig. Neben der Musik beschäftigte er sich obsessiv mit Telefonstreichen und Avantgarde Videoproduktionen. Seine Wohnung in Steglitz war voller Gitarren, PC Bausätze und eigener Kunstwerke. So hatte er etwa eine Nasenmann Raufasertapete erschaffen, die er durch morgendliches Popeln täglich erweiterte. Er teilte sich die Wohnung mit vielen Gästen, Hunden, seiner Freundin Heike, einer Ratte und mir.
Vom Sterben und Werden
Hier war nicht mehr „allet in Butta“. Manche in unserem Kreis litten, wie es Dieter Bürgy im Calgon-Werbespot formulierte, an Lochfraß. Ich wurde einer zunehmenden Übersättigung und einer wachsenden Distanz zu mir selbst gewahr. Ich lag im Sterben und war im Werden – wieder einmal. ›Selige Sehnsucht‹ von Johann Wolfgang von Goethe ist eines der berühmtesten Gedichte des deutschen Dichterfürsten, das 1817 veröffentlicht wurde. Dieses Werk vermag recht eindringlich jene Stimmung und Lebensphase widerzuspiegeln, in der ich mich damals befand. Bekannt und häufig zitiert ist die letzte Strophe mit der Sentenz ›Stirb und werde!‹. Trotz dieser Metapher des Falters, der in der Dunkelheit vom Lichtschein einer Kerze magisch angezogen wird und doch in der- selben verbrennt, hat der Dichter auch noch ein weiteres, neues Leben im Blickfeld, wenn er von ›Stirb und werde!‹ spricht.
›Selige Sehnsucht‹
von Johann Wolfgang von Goethe
„Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.
In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet.
Nicht mehr bleibest du umfangen
In der Finsternis Beschattung,
Und dich reißet neu Verlangen
Auf zu höherer Begattung.
Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.
Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.“