Übern Pettenfirst weht der Wind. Der Hausruckwald ein Lied dir singt.

„In einer Zeit der sich neu ordnenden Welt und des gnadenloser werdenden Kampfes um Rohstoffe ist es aus gegebenem Anlass wichtig, den Blick auf die fundamentalen Abhängigkeiten unserer Welt zu richten.“

Diesen Textausschnitt, aus meinem Buch „Achtet auf die Möwen“ möchte ich mit euch teilen, denn während viele noch über Ideologien diskutieren, geht es längst wieder um Macht im Schacht, um Abhängigkeit und Kontrolle. Ich stamme aus einer Bergbau-Familie und weiß: Ohne Rohstoffe gibt es weder Wohlstand noch Souveränität. Rohstoffe in Europa und weltweit sind kein Randthema, sie sind das immer wiederkehrende zentrale Schlachtfeld. Ein Claim der Zeit. Im Angesicht der katastrophalen Auswirkungen des Klimawandels wird die nicht allzu ferne Zukunft wohl auch von Völkerwanderungen bestimmt sein, während sich die Rohstoffkriege mehren. 

Mit der Unterzeichnung des Mercosur-Abkommens ist eine alte europäische Wahrheit wiederentdeckt worden, Europas Weg zum vielleicht größten Friedensprojekt der Welt war von Beginn an ein Rohstoffprojekt. Lange bevor aus der Europäischen Union eine politische Realität wurde, haben EWG und Euratom später die Europäische Gemeinschaft bewusst einen Rahmen geschaffen, in dem Kohle, Stahl und Energie nicht länger Anlass für Machtkämpfe, sondern Gegenstand gemeinsamer Regeln waren. Der Gedanke dahinter war ebenso nüchtern wie revolutionär: Wer wirtschaftlich miteinander verflochten ist, führt keine Ressourcenkonflikte mehr gegeneinander.
Denn Rohstoffe sind nie bloß Materialien, sie sind immer auch Projektionsflächen von Macht und Anlass für Konflikt oder Grundlage und Möglichkeit für Kooperation. Europas eigene Geschichte zeigt, dass aus potenziellen Rohstoffkriegen bewusst ein Rohstoffrieden geschaffen werden kann, wenn man Abhängigkeiten nicht leugnet, sondern gemeinsam ordnet und denkt.

Rohstoffkriege
Wir sind sowohl von innerstaatlichen Rohstoffkonflikten, wenn sich Rebellengruppen oder Sezessionsbewegungen eines rohstoffreichen Territoriums bemächtigen, als auch von bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Staaten, die jeweils Anspruch auf ein rohstoffreiches Gebiet erheben, umstellt. Eine Sortiment-Erweiterung über die üblichen Handelswaren des Krieges hinaus, wie etwa Öl und Gas ist voraussehbar. Etwa Stromquellen für die KI und Quellegebiete für Wasser.

„La Guerra del Agua“, der bolivianische Wasserkrieg, markierte den weltweit vielleicht ersten gewalttätigen Konflikt um die Verteilung von Wasser. Zu den Rivalitäten um kostbare Ressourcen wie Seltene Erden werden sich jene um seltene Aerosole gesellen, das heißt um besonders gesunde Luft. Sand gilt bereits jetzt als Mangelware, Sand-Syndikate plündern seit Jahren die Vorkommen – vor allem für die Bauindustrie. Laut UN-Umweltprogramm werden jährlich illegal rund zehn Millionen Kubikmeter Sand abgebaut. Waren viele Jahrzehnte lang Sonnenlagen en vogue, rücken aufgrund der zunehmenden Hitze Höhenlagen und Schattenseiten in den Fokus der Wohnbau-Entwicklung. Verdrängungsbewegungen und Spannungen rund um Bodenschätze, Nahrungsmittel und Lebensräume sind auch auf lokaler Ebene vorprogrammiert.

Aktuell sehen wir am Beispiel Russland, wie durch eine Monopolstellung Energie als Waffe im Kampf gegen den Westen eingesetzt wird und so eine europäische Versorgungskrise fördert, die im besten Fall eine Unabhängigkeit von fossilen Brennstoffen einläutet. In weiterer Folge ist es wahrscheinlich, dass »Urban Mining«, also die Kreislaufführung von Stoffströmen, einen wesentlichen Beitrag zur Schonung natürlicher und künstlicher Ressourcen leisten wird. Diese ambitionierte zirkuläre Wirtschaft, die alle Materialflüsse entlang der Wertschöpfungskette – von der Rohstoffgewinnung bis hin zur Abfallbewirtschaftung – umfasst, dürfte eine der weltweit führenden neuen Industrien werden.

Rohstofffriede
Im Unterschied zu den dramatischen Entwicklungen im Russlandkonflikt, gibt es aber auch hoffnungsspendende Beispiele für eine friedvolle zwischenstaatliche Rohstoffnutzung. Angesichts der verheerenden Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs und der ständig drohenden Ost-West-Konfrontation wurde die deutsch-französische Aussöhnung zum Gebot der Stunde. Mit dem 1951 in Paris unterzeichneten Vertrag zur Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl einigten sich die sechs Gründerstaaten Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande auf eine Zusammenlegung der Kohle- und Stahlindustrie. Dieser Beschluss stellte den ersten Schritt auf dem Weg zur europäischen Integration dar. Mit den Römischen Verträgen von 1957 wurde die Grundlage der europäischen Solidarität im Sinne eines gemeinsamen Zukunftsentwurfs gestärkt.

Das Übereinkommen förderte nicht nur die Verbundenheit Europas, sondern festigte auch die Identität von stahlproduzierenden Orten wie Linz und Bergbauregionen wie dem Hausruck. Es steigerte den Stellenwert der Stahlkocher:innen und das Ansehen der Bergleute. Stahl wurde zur Stütze und das Kohlenflöz zum Fundament unserer Heimat Europa im Hinblick auf eine demokratische, pluralistische und liberale Ausrichtung der unterschiedlichen Staaten und Bevölkerungsgruppen.

Meine Heimatgemeinde Ottnang am Hausruck liegt auf einer Seehöhe von 554 Metern und ist Namensgeberin für eine regionale chronostratographische Zeitspanne des Erdzeitalters Miozän, das ›Ottnangium‹, auch ›Ottnang-Stufe‹ oder ›Ottnangien‹ genannt. Die Gegend setzt sich vornehmlich aus Schlier, Schotter, Geschichte und Geschichten zusammen. Es gibt Vorkommen an Braunkohle, Erdöl und Gas, jede Menge Gräuel- und Heldentaten sowie Kunst, Kultur und Traditionen.

Umwelt prägt Menschen und umgekehrt. Der Mensch ist ein Spiegelbild seiner Umwelt. Geografie ist Schicksal. Stätten und Städte sind ein Symbol für Identität und Authentizität, sie inspirieren zu Höchstleistungen, rufen oft starke Gefühlsregungen hervor, bilden den Humus für unterschiedliche Kulturen und eröffnen Handlungsspielräume.

Rohstoffe als verbindendes Fundament gemeinsamer Sicherheit: haben wir den Mut Rohstoffe gemeinsam zu sichern und verantwortungsvoll zu nutzen?
Rohstoffkriege sind das Ergebnis von Kurzsichtigkeit. Vergessen wir nicht: „Umwelt prägt Menschen und umgekehrt. Der Mensch ist ein Spiegelbild seiner Umwelt. Geografie ist Schicksal.“ Rohstofffrieden verlangt Weitsicht! Die Geschichte lehrt, dass Rohstofffrieden möglich ist, aber Verantwortung und der Wille zur Zusammenarbeit sind grundlegend, lebensentscheidend und unausweichlich. Europas Stärke und Absicht war immer Abhängigkeiten friedlich zu organisieren. In einer globalisierten Welt entscheidet sich diese Frage erneut: Werden Rohstoffe zum Zankapfel einer neuen Blocklogik, oder zum verbindenden Fundament gemeinsamer Sicherheit? Denn wer allein auf den eigenen Vorteil schielt und die größeren Zusammenhänge ausblendet, riskiert am Ende nicht mehr Autonomie, sondern neue Konflikte.