08 Okt. Besuchszeit oder wenn Mauern sich öffnen
Schon einmal im Gefängnis gesessen? Wenn nicht, dann soll es so bleiben. Niemand braucht diese Erfahrung. Und doch kann es eine Einladung sein, wenn sich ein Gefängnis öffnet oder besser gesagt die Mauern, die einst Verbrecher, Gauner, Diebe oder „Schlaucherl“ umgaben, andere Geschichten erzählen lassen.
Berggasse. Steyr. Keine Top-Adresse zum Leben, möchte man meinen. Denn hier waren Menschen eingesperrt, die mit dem Gesetz in Konflikt gekommen sind. Das alte Gefängnis ist Geschichte, die Räume sind geblieben. Die Gitterstäbe, die kleinen Zellen, das gedämpfte Licht – all das mutet heute noch irgendwie beklemmend an.
Als Besucher in diese Räumlichkeiten einzutreten, ist spannend, weil hier nicht etwas geboten wird, das der schnellen Vergnügungssucht dient. Hier darf man eintauchen, ohne Angst haben zu müssen. Wenn hier eine Tür ins Schloss fällt und der Schlüssel in die Freiheit nicht bei der Hand ist, kann man aber schon ins Grübeln kommen. Da spürt man die Enge der Zelle, die mit den hier Eingesperrten was gemacht hat? Welche Geschichten könnten sie erzählen? Welche Typen waren es, die hier darauf warteten, was mit ihnen weiter passieren wird? Gedanken setzen so neue Gedanken in Bewegung.
Die Neugier geweckt?
Das alte Gefängnis in Steyr hat Potenzial für eine belebende Wirkung. Es bietet sich geradezu an, ein Spielraum für die Freiheit der Kunst, die Freiheit der Wissenschaft, die Freiheit der Forschung und der Gedanken, die Freiheit der Bildung, die Freiheit des Unternehmertums und die Freiheit von Mangel und Furcht zu sein. Die Zellen werden zu Co-Working-Spaces, der einstige Hof verwandelt sich in eine Startup-Schmiede und letztlich in einen lebendigen Kulturraum.
Das Projekt „Horizont“ zielt in der Zusammenarbeit von CMb mit der Stadt Steyr darauf ab, hier neue Perspektiven gegen die Ausweglosigkeit zu entwickeln. Neue Narrative. Neue Möglichkeiten.
Einen geschichtsträchtigen Ort küsst man nicht einfach wach. Man ermuntert ihn zum Munterwerden. Am besten mit Menschen, in diesem Fall Zellengenossen, Mittäter, Glücksbringer, Typen wie Martin Semmelrogge. Ein Freund mit langer Verbundenheit. Ein Querdenker und Querlebender. Ein Kult-Schauspieler, der Filme wie „Das Boot“ und „Schindlers Liste“ mit seinem Spiel veredelt hat. Ein Mann, der es im Theater Hausruck als Bösewicht zum absoluten Publikumsliebling gebracht hat, und der im echten Leben Erfahrungen mit schwedischen Gardinen gesammelt hat. Nichts Schlimmes, sagt er dann und spricht von einer „kurzen Erholung beim Vater Staat“. Böses habe er nicht gemacht. Niemandem etwas weggenommen, nur sein Recht eingefordert.
Semmelrogge zelebriert das Leben, geniert sich nicht, zu erzählen, wie das damals war, als er etwa das Auto seines Vaters zusammen mit einem Freund kurzerhand in Betrieb nahm, obwohl er das in seinem jugendlichen Alter nicht hätte tun dürfen. Er beschönigt nichts. Dafür hat er zu viel erlebt. Dafür ist er zu viel gereist. Dafür war er zu oft verheiratet.
Er war der beste passende erste Gast im ehemaligen Besuchsraum des Gefängnisses, den man sich nur vorstellen konnte. Seine Lesung war beste Werbung, weil das kulturelle Format „Besuchszeit“ hier Anschauungsunterricht erhielt, was sein kann, wenn man etwas sein lässt.
So wie sich Semmelrogge Zeit seines mittlerweile 70 Jahre währenden Lebens nicht in irgendwelche Schablonen oder vorgefertigten Muster zwängen ließ, so holte sich auch der Raum eine neue Energie aus seinem Auftritt. Energie, die ein neues Leben begründen kann.
Wandlung als erster Schritt für eine neue Wirkungsweise. Semmelrogge ist in die Botschafterrolle geschlüpft, weil er der Prototyp eines Mannes ist, der immer alles auf eine Karte setzt, keinen Plan B hat und möglicherweise auch beim Plan A eine passende Variante schuldig bleiben müsste. Kompromisslos in seinem Wirken, beharrlich in seinem Selbstverständnis von Leben, in dem die Freiheit von ihm anders betrachtet, anders interpretiert wird.
Das Leben ist eine Achterbahn. Mir selbst auf ewig ein Rätsel. Das sind die Titel seiner Bücher, aus denen Semmelrogge in Steyr gelesen hat. Die Begeisterung der Besucher hat ihn gefreut, der Ort des Geschehens hat ihn fasziniert. „Das ist atmosphärisch schöner als in einer Stadthalle zu lesen.“ Diese Worte sind als Einladung zu verstehen, es nicht bei der Einmaligkeit eines Events zu belassen.
Auf dem Weg in eine neue Zukunft für die alten Mauern sind Zwischenschritte nicht nur möglich, sondern erwünscht. Das alte Gefängnis bietet sich ideal dazu an, auszuprobieren, die Geschichte des Hauses auf dem Weg in eine neue Zukunft mit anderen Geschichten aufzuladen, neue Energien und dabei auch neue Formate entstehen zu lassen. Ein Labor der Ideen, ein Ort, der Begegnung anders definiert, als es in der bisherigen Geschichte des Hauses in der Berggasse der Fall war. Ein Zwischenschritt zu einer neuen Nutzung, der im Moment nicht viel braucht außer ein paar Handgriffen und ein paar helfenden Händen. Und: Die Überzeugung, dass alles Sinn macht.
„Born To Be Wild“ sang Semmelrogge am Ende der Lesung, kurz bevor er sich aus dem Besuchsraum des Gefängnisses wieder verabschiedete, um zuvor noch im Warteraum sitzend über seine Definition von Freiheit zu reden. „Ich setze mich in mein Auto, wo ich alleine bin, mir meine Musik aufdrehe, meine Mucke, Rock und ein wenig Metal, und dann ist das die Freiheit, dorthin zu fahren, wo ich gerade hinwill.“ Es klingt wie eine Szene aus einem klassischen Roadmovie, ist aber aus keinem Film, sondern aus dem Leben eines Mannes, der tut, was ihm Spaß macht. „Ich will weitergehen. Solange ich noch Energie habe, will ich weitergehen.“ Spricht das aus und geht zu seinem Fahrzeug, setzt sich hinein und lebt die Freiheit.
Die Mauern, die er verlassen hat, rufen ihm nach: Komm‘ wieder – und nimm‘ Freunde mit. Das alte Gefängnis in Steyr ist für neue Begegnungen aller Art bereit. Die Türen stehen offen, die Chancen für die Zell(en)erneuerung sind vorhanden. Das ist eine Freiheit, die genutzt werden will.
OÖN-Berichterstattung:
Semmelrogge zeigte, was möglich wäre | Nachrichten.at
Projekt Horizont Steyr: Horizont Steyr – CMb.industries

















