Das Dickicht, das eine Stadt und ihre Toten ver­schlang. Ein Besuch auf dem verges­senen Friedhof von Karviná-Mexiko

Wer an eine Konferenz zum Thema Brownfields und Flächenrecycling denkt, hat graue Veranstaltungsräume, Powerpoint-Präsentationen und das Abwägen von Bodenrichtwerten im Kopf. Das Gegenteil ist meistens der Fall, jedenfalls auf jenen Konferenzen, auf denen ich sein darf. Ich spreche in beeindruckenden ehemaligen Minen, führe durch aufgelassene Gefängnisse, arbeite in wunderschönen Ex-Krankenhausanstalten, treffe Freunde in gerade stillgelegten Fabriken und lerne Orte in Learning Journeys kennen.

Unsere Exkursion im Rahmen der diesjährigen @msid Brownfield-Konferenz in der Region Ostrava führte uns auch an einen Ort, der die radikalen Folgen des industriellen Erbes so eindringlich zeigt wie kaum ein anderer: den evangelischen Friedhof der ehemaligen Bergbaukolonie Mexiko in Karviná-Doly.

Die Kolonie, die der Boden verschlang

Der Name klingt surreal. Mexiko? Mitten im tschechisch-polnischen Grenzgebiet? Mein Freund, Expeditionsleiter @Jiří Staš, erklärt es mir auf dem Weg durchs Grün: Die Bergleute nannten ihre Kolonien im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert oft nach fernen Orten – es gab „Nový Jork“ (New York) und eben „Mexiko“. Tausende Menschen lebten hier, dicht gedrängt, vom Kohleabbau geprägt.

Heute ist davon nichts mehr übrig. Wo einst Arbeiterhäuser standen, wächst dichter Wald. Es ist die Folge eines extremen Phänomens von Altindustriegebieten: massive Bodensenkungen durch jahrzehntelange Unterminierung. Die Erde gab nach, die Kolonie musste in den 1970er-Jahren evakuiert und abgerissen werden. Nur ein einziger Ort blieb im Dickicht zurück.

Ewiges Leben nur im Tod

Während die Häuser der Lebenden Stein für Stein abgetragen wurden und im Boden versanken, blieb die Stadt der Toten – zumindest in ihren Fragmenten – bestehen. Es ist eine düstere Ironie der Industriekeschichte: Ewiges Leben gab es hier am Ende nur im Tod.

Foucaults Friedhof

Für mich als Raum- und Strukturen-Entdecker ist dieses Areal im Grunde das, was der Philosoph Michel Foucault eine Heterotopie nannte – einen jener „anderen Orte“, die außerhalb des alltäglichen Raums existieren und doch eine zutiefst reale Gegenplatzierung zur normalen Gesellschaft bilden. Foucault zog damals den Friedhof als Paradebeispiel heran. 

Und Karviná-Mexiko treibt dieses Konzept auf die Spitze: Es ist ein physisch realer Raum, der eine völlig eigene Zeitrechnung – eine Heterochronie – besitzt. Ein Ort, an dem die Zeit der Industrialisierung eingefroren wurde, während außen herum der Wald die Hoheit übernahm und sich diverse politische Systeme bildeten, untergingen und wandelten.

Als wir uns den Weg durch das dichte, fast dschungelartige Unterholz bahnen, stehen wir plötzlich vor ihr: der Ruine der Friedhofskapelle von 1906.

Ihre Backsteinmauern trotzen seit Jahrzehnten der Witterung, aber das Dach fehlt komplett – nun ist der Blick zum Himmel unverstellt. Wo früher Kirchenbänke standen, wachsen heute junge Birken empor. Die Natur hat sich ihr Territorium mit Konsequenz zurückgeholt und schöpft sich neu. 

R.I.P

Unter dem dichten Farn und Moos verborgen liegen hier mehrere hundert Menschen begraben. Es sind die Bergleute und ihre Familien, aber auch viele Opfer tragischer Grubenunglücke. Zwischen den Baumwurzeln ragen verwitterte Eisenkreuze hervor. Monumentale Grabsteine mit zweisprachigen Inschriften – Deutsch und Polnisch – erzählen von den Biografien derer, die hier für den industriellen Aufschwung schufteten und starben.

Die Schatzsucher des Strukturwandels

Hoffnungsvoll zeigt sich die Gegenwart. Die Ruhestätte wird nicht einfach dem endgültigen Verfall überlassen.

Mitten im Wald trafen wir auf die Spuren von Angehörigen und moderner Denkmalschützer. Lokale tschechisch-polnische Bürgerinitiativen arbeiten sich seit einigen Jahren mit Macheten und Schaufeln durch das Dickicht. Sie sichern die Kapelle vor dem Einsturz und legen die Gräber behutsam wieder frei.

Goldene Energie im satten Grün.

Hier zeigt sich ein spannendes Phänomen: Manchmal liegt der wahre gesellschaftliche Wert darin, die Überwucherung zuzulassen, den Verfall zu stoppen, die Geschichte und ihre Menschen zu ehren und so einen magischen Ort mit Aura und Atmosphäre am Drehkreuz zwischen Vergangenheit und Zukunft zu erschaffen.

Moc děkuji za tuto příležitost   

Wir von CMb.Industries danken den Organisator:innen der MSID Brownfieldkonferenz für die Möglichkeit, diesen magischen Ort, seine Menschen und seine Geschichte zu entdecken.

Vaclav PalickaJiri Stas Lenka Haas Karel Bařinka Erik Stefanovic Kofola ČeskoSlovensko Petr Březina Radim Kaller Jan Hana Svatava Ozdincová Lenka Odstrčilová Barbara VojvodíkováSvětlana Krettková Ondřej Čáp Šárka Šimoňáková Iva Poláková

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