22 Sep. Phantom-Pisa: Eine schiefe Kirche in einer verschluckten tschechischen Stadt
Im Rahmen der MSID Brownfieldkonferenz 2026 durfte ich einen unsichtbaren Ort besuchen, der die Folgen des industriellen Strukturwandels wohl kaum eindrucksvoller sichtbar machen könnte.
Inmitten dieser weitgehend menschenleeren, verwucherten Landschaft ragt die schiefe Kirche des heiligen Petrus von Alcantara in Karviná-Doly hervor.
Deshalb wird sie auch als „tschechisches Pisa“ bezeichnet. Wobei dieser Vergleich hinkt, denn die Stadt rund um das Gotteshaus gibt es nicht mehr. Pisa ist existent, Karvinná hingegen fiel dem industriellen Flächenfraß zum Opfer.
Pisas schiefer Turm begann sich bereits während des Baus im 12. Jahrhundert aufgrund fehlerhafter Annahmen über den Baugrund zu neigen. Die Kirche von Karvinná hingegen wehrt sich standhaft gegen die Folgen des Kohle-Kapitalismus der ehemaligen kommunistischen Tschechoslowakei.
Für mich macht sie das noch zu einem bedeutsameren Symbol der Widerständigkeit – und das nicht nur im übertragenen Sinne: Mit 6,8 Grad ist sie deutlich stärker geneigt als der berühmte Schiefe Turm von Pisa mit rund 3,9 Grad.
Die Auslöschung.
Die eigentliche Geschichte beginnt aber nicht mit der schiefen Kirche, sondern mit einer Stadt, die es heute nicht mehr gibt.
Karvinná war eine Stadt mit fast 30.000 Einwohnern und mehr als 1.800 Häusern. Es gab ein Rathaus, einen Bahnhof, eine Sparkasse, eine Brauerei, Kulturhäuser, eine Klosterschule und eine große Kirche für rund 4.000 Gläubige.
Zum Vergleich: Diese ausgelöschte Stadt wäre von ihrer Größe her mit den österreichischen Städten Bregenz, Leonding, Klosterneuburg, Baden bei Wien, Traun, Wolfsberg oder Leoben vergleichbar. Und während sich in diesen Städten noch mehr oder weniger Menschen tummeln und Leben herrscht, erinnert man sich an Karvinná heute vor allem anhand von Fotografien, Fragmenten und Geschichten – so wie diese hier.
Hohlraum und Höllenschlund.
Im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Region um Ostrava und Karviná zu einem bedeutenden Zentrum des Steinkohlebergbaus. Auch direkt unter der Barockkirche wurde Kohle geschürft. Die Folgen waren gravierend: Durch die unterirdischen Hohlräume senkte sich die Erdoberfläche über Jahrzehnte hinweg ab – um insgesamt unglaubliche 40 Meter Richtung Höllenschlund. Die Kirche sank mit und neigte sich dabei immer stärker zur Seite.
Gottesmann machte sich gerade, die schiefe Kirche blieb.
Anfang der 1990er-Jahre war ihre Statik so stark beeinträchtigt, dass sogar ihr Abriss drohte. Dass sie heute noch steht, verdankt sie einem Wunder und dem damaligen Pfarrer Ernest Dostál, der sich vehement für ihren Erhalt einsetzte.
Kohle her!
Bergwerksgesellschaften erklärten sich bereit, die Sanierung mit zehn Millionen Kronen zu finanzieren. 1994 wurde die Kirche stabilisiert und somit ein Symbol geschaffen. Ein Sinnbild, dessen Glockenläuten bis heute zur Messe ruft.
Storydoing.
Symbole sind für eine Gesellschaft mehr als Gebäude, Steine oder Denkmäler. Sie geben einer gemeinsamen Geschichte eine Form. Sie bewahren Erinnerung, stiften Identität und verbinden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie spenden Kraft und Motivation.
Goldene Energie.
Wir von CMb.Industries wissen: Graue Energie steckt in den Baustoffen. Goldene Energie entsteht durch die Geschichten, die wir bewahren – und durch die Bedeutung, die wir ihnen für die Zukunft geben. Sie ist der Mörtel, der eine Gesellschaft zusammenhält.
Wir von CMb.Industries danken den Organisator:innen der MSID Brownfieldkonferenz für die Möglichkeit, diesen magischen Ort, seine Menschen und seine Geschichte zu entdecken.
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